CHANDRA BROOKS

Fotos

Ein französisches Märchen in arabischem Gewand

„Die weiße Ratte“ ist ein französisches Volksmärchen aus der Auvergne, vermutlich im Mittelalter entstanden. Es ist der Märchensammlung von Henri Pourrat entnommen.

Chandra Brooks überträgt dieses Märchen nicht nur sprachlich, sondern auch bildnerisch-künstlerisch in verschiedene kulturelle Kontexte. Beeinflusst von der langen Tradition der Buchillustration und des „Erzählens mit Bildern“, bedient sie sich kunstvoller Illuminationen und Ornamente sowie kalligraphischer Schrift.
Abschließend soll das Projekt bestehen aus:

Im „Eiswürfel“ stellt Chandra Brooks jene Werkreihe vor, die das Märchen im Gewand der arabischen Bildtradition vor Augen führt. Die arabische Tradition ist gemäß dem islamischen Bilderverbot anikonisch, ornamental und hat eine reiche Kultur der Verzierung hervorgebracht. Statt illusztativer Techniken setzt Chandra Brooks daher die Mittel der Wiederholung, der Versinnbildlichung und der strukturellen Analogie ein und bezaubert durch ein zartes, fragiles, vibrierendes Spiel mit Lichtreflexen und Schattenbildern


Thema „Selbstfindung“

Das zugrundegelegte Märchen handelt von einer weißen weiblichen Ratte, die sich, in eine menschliche Prinzessin verwandelt, doch so sehr ihrer tierischen Herkunft verbunden fühlt, dass sie am Ende wieder in eine weiße Ratte zurückverwandelt werden muss, um ihr Glück zu finden.

Nicht zufällig hat Chandra Brooks dieses Märchen ausgewählt, kreist es doch um die ihr wichtigen Themen:

Mit ihrem Projekt „The Universal Fairytale“ verfolgt Chandra Brooks das Ziel, kulturelle, soziale und individuelle Verschiedenheit aufzuzeigen und zu fördern. Mit Hilfe von Kultur- und Kunsthistorikern, Linguisten, Übersetzern und Künstlern soll das Projekt – über die Grenzen zwischen Ländern und Kontinenten hinweg - in mehr als 40 Sprachen und Kulturen übertragen werden.


Kunsthandwerkliches Ethos

Die Kunst des Geschichtenerzählens ist sehr alt und eng verbunden mit der individuellen Seelen-, Gefühls- und Lebenswelt des einzelnen Erzählers, der die Geschichten lebendig hält und für die Nachwelt rettet. Zwar können technologische Mittel diesen Prozess der Überlieferung unterstützen, nichts aber daran ändern, dass Überlieferung durch einzelne Indivividuen geleistet wird und maßgeblich von ihnen – und von ihrem Erzähltalent - geprägt ist. Dementsprechend erfolgt die gesamte künstlerische und kalligraphische Arbeit an dem „Universal Fairytale“-Projekt eigenhändig durch Chandra Brooks und ist von dem hohen Ethos kunsthandwerklicher Meisterschaft geleitet.


Biographie Chandra Brooks

Chandra Brooks wurde am 18. April 1972 in Midwestern City (Town & Country)/ Missouri geboren und ist als sechstes Kind einer erzkonservativen Baptistenfamilie der Südstaaten in ländlicher Umgebung aufgewachsen.

Im Alter von 15 Jahren lief sie von zu Hause fort und ging nach New Orleans mit dem Ziel, irgendwann Historikerin zu werden. Sie lebte damals auf der Straße, blieb aber unberührt von den Gefahren des Straßenlebens wie etwa Alkohol, Drogen oder Prostitution, weil andere Kinder in ihr etwas Besonderes erkannten, sie beschützten und als ihre „Wüstenrose“ betrachteten. Nach ein paar Monaten auf der Straße wurde sie von einem buddhistischen Ehepaar aufgenommen und in der Praxis der Meditation unterwiesen.

In dieser Zeit begann Chandra Brooks ihr „Selbst“ zu entwickeln, sich selbst durch ein „universelles Auge“ wahrzunehmen und die Kunst des „bewussten Lebens“ zu erlernen. Diese bewusstseinsbildenden und –verändernden Ideen prägten ihr Leben und ihre Weltsicht nachhaltig.

Gleichzeitig begeisterte sie sich mehr und mehr für Da Vincis „Heilige Geometrie“ und wurde in den Bann gezogen vom Werk Fibonaccis, insbesondere von dessen „Goldenen Schnitt“. Sie begann kreative Entwürfe auszuarbeiten, um diese Ideen Fibonaccis praktisch-künstlerisch umzusetzen und Werke zu schaffen, die visuell und emotional berühren sollten.

Wesentlichen Einfluss auf ihre künstlerische Arbeit übte das Kunsthandwerk aus, insbesondere deswegen, weil von der menschlichen Hand geschaffene Werke – bei allem Bemühen um Perfektion – doch immer unvollkommen bleiben. Diesen unvermeidlichen Mangel an Präzision versuchte sie durch logische Präzision auszugleichen. Gleichwohl folgt Kunst nicht präzisen mathematischen Regeln, sondern ist gefühlsbetont und rhythmisch in der Form.

Quellen der Inspiration sind für Chandra Brooks frühe Volkskunst, Mythologie, Religionen, Mystizismus und die weit zurückreichenden Traditionen des Kunsthandwerks und des Geschichtenerzählens. Das künstlerische Werk von Chandra Brooks dreht sich stets um individuelle Lebensgeschichten und Identitätsfindungsprozesse. Dabei nimmt sie ihre eigene Subjektivität als Ausgangspunkt und schreitet von dort weiter bis zu dem Punkt, an dem man vor die Wahl gestellt wird, sich selbst anzunehmen und ein Gefühl für Individualität und Selbstausdruck zu entwickeln.